10 Tage Vipassana: Was passiert, wenn es im Aussen still wird?
Aktualisiert: 25. Sept.

Meine persönliche Erfahrung mit 10 Tagen Schweigen, mehr als 10 Stunden Meditation täglich – und einem ziemlich grossen Mind-Blow über das Leben.
Kein Handy.
Keine Musik.
Keine Bücher.
Kein Schreiben.
Kein Yoga.
Kein Gym.
Keine Gespräche.
Kein Blickkontakt.
Keine Ablenkung.
Dafür jeden Morgen um 04:00 Uhr Gong und mehr als zehn Stunden Meditation am Tag. Freiwillig. Holy Moly. Warum macht man sowas? Well … genau das wollte ich herausfinden. Nicht, weil mein Leben aus den Fugen geraten wäre. Nicht, weil ich vor irgendetwas davonlaufen wollte. Und auch nicht, weil ich zehn Tage in irgendeiner spirituellen Räucher-stäbchen-Bubble schweben wollte. Nope. Ich wollte wissen:
Was passiert, wenn es im Aussen still wird?
Denn Hand aufs Herz: Wann ist es bei uns wirklich still?
Wir leben in einer zunehmend komplexen Welt die praktisch permanent unsere Aufmerksamkeit will. Reizüberflutung überall. Sehen. Hören. Riechen. Schmecken. Fühlen.
Nachrichten. Menschen. Social Media. Arbeit. Termine. Musik. Podcasts. Erwartungen. To-do-Listen. Der nächste Screen. Die nächste Information. Das nächste Projekt.
Brain-Shizzel 24/7.
Und wenn dann tatsächlich einmal nichts passiert? Zack – Handy raus. Musik an.
Netflix. Küche aufräumen. Bügeln. Noch schnell diese eine Mail. Oder wir finden zuverlässig irgendein To-do, das selbstverständlich GENAU JETZT lebensnotwendig erledigt werden muss. Hauptsache, eine Leere wird gefüllt.
Ich wollte wissen, was passiert, wenn ich genau das einmal nicht tue. Und so begann eine Reise, die schon Jahre vorher ihren Anfang genommen hatte.
Warum ich mir freiwillig 10 Tage Schweigen ausgesucht habe?
Einige Menschen in meinem Umfeld unter anderem Peter, Vanessa, Rahida und Philipp, hatten mir von ihren Vipassana-Erfahrungen erzählt. Später las ich Yuval Noah Hararis Bücher der auch davon berichtetet und irgendwann war dieser Gedanke in meinem Kopf: Das will ich selbst erleben. Nicht googeln. Nicht ChatGPT fragen. Nicht noch 27 Erfahrungsberichte lesen. Selber machen.
Denn eine Sache zieht sich ziemlich konsequent durch mein Leben: Ich will Dinge nicht glauben, weil andere sie erzählen und sie grossartig oder furchtbar finden. Was für Hinz lebensverändernd ist, kann für mich ein kompletter Flop sein. Und was Kunz als persönlichen Fail verbucht, kann für mich DER Gamechanger schlechthin werden. Wir tragen alle unterschiedliche Lebensrucksäcke. Deshalb: Opinion is borrowed. Experience is earned.
2025 war mein Kalender bereits so voll, dass Vipassana immer wieder nach hinten rutschte. Also kam es Ende des Jahres auf mein Vision Board. Und wer mich kennt, weiss: Wenn etwas dort landet, wird's irgendwann ernst. 😉 Im Januar 2026 stand fest: Diesen Sommer mache ich es. Kurstermin gesucht. Anmeldung vorgemerkt. Den Öffnungstermin drei Monate vorher fett und rot in den Kalender geschrieben. Pünktlich angemeldet. Und irgendwann kam tatsächlich die Zusage. Strike. Oder eher: Holy Glory – jetzt gibt's kein Zurück mehr.
Vipassana ist kein Wellness-Retreat. Nope.
Spätestens beim erneuten Lesen der Teilnahmebedingungen dachte ich:
Okay Melitta. Taff. Aber du wolltest das.
Vipassana, wie es in diesem Kurs nach S. N. Goenka gelehrt wurde, beginnt mit der Beobachtung des natürlichen Atems. Über die geschärfte Aufmerksamkeit geht die Praxis später zur Beobachtung der sich ständig verändernden Natur von Körper und Geist über. Und nein: Die offiziellen Unterlagen beschreiben Vipassana ausdrücklich nicht als Erholungskur, Urlaub oder Flucht vor dem Alltag. Teilnahmebedingungen für
No Wellness.
No Entertainment.
No «ich gönn mir mal zehn Tage Selfcare-Retreat».
This is work. Inner Work.
Und die Regeln? Konsequent. Während der Edlen Stille ist nicht nur Sprechen tabu. Auch Gesten, Zeichensprache und schriftliche Kommunikation mit anderen Meditierenden sind untersagt. Kontakte sollen auf das Notwendigste beschränkt bleiben. Kein Handy. Keine Kommunikation nach draussen. Keine Musik. Kein Lesen. Kein Schreiben. Elektronische Geräte werden abgegeben. Und Yoga? Nope. Meine geliebten Leggings? Ebenfalls nope. Die Kleidung sollte schlicht, dezent und bequem sein; auffällige oder eng anliegende Kleidung gehört ausdrücklich nicht zum Setting. Also besorgte ich mir ein paar Zweiteiler. Mein Fast-Fashion-Vermeidungs-Gewissen beruhigte ich damit, dass sie heute als gemütliche Home-Trainer und Shopping-Outfits weiterleben. Nothing wasted. We call it sustainable Vipassana Fashion. 😂
Aller guten Dinge sind drei – oder: Wo zum Henker ist Dhamma Mudita?
Dann kam die Anreise. Meine Freundin Ilona brachte mich hin. Zumindest theoretisch.
Praktisch landeten wir zuerst bei einem Bauernhof. Aus einem offenen Fenster im ersten Stock rief uns ein eher – sagen wir – zurückhaltend enthusiastischer Herr entgegen: «Wo's suechst den do?» Ich freundlich: «Bin ich hier richtig beim Dhamma Mudita?» Seine Antwort sinngemäss: «Schauts so aus?» Ups.
Vielleicht war das bereits der erste Gleichmut-Test. 😂
Zurück ins Auto. Next try. Beim nächsten Haus öffneten uns ein freundlicher Mann und sein Sohn. Ich war offenbar nicht die Erste, die falsch abgebogen war. Ein paar Kurven weiter, links den Hügel hoch. Dritter Versuch. Dhamma Mudita. Aller guten Dinge sind drei. Ich verabschiedete mich von Ilona ungefähr mit: «Liebes, es schaut so aus, als tauche ich jetzt zehn Tage unter. Mach dir keine Sorgen. Ich meld mich, wenn ich wieder raus bin.» And off she goes. Oder besser: And into the silence she goes.
Zwei fremde Frauen, ein Zimmer – und dann zehn Tage ignorieren
Ich teilte mein Zimmer mit Julia. Bevor die Edle Stille begann, durften wir noch miteinander sprechen. Also machten wir, was zwei erwachsene Frauen in dieser Situation offenbar machen: Roommate-Pow-Wow. Julia erzählte mir, dass sie unruhig schlafe, nachts vielleicht aufstehen, zur Toilette gehen oder Geräusche machen würde. Ich? Schlafe fast immer wie ein Bär im Winterschlaf. Perfektes Match. Sie eher Team kurz vor dem Gong aus dem Bett. Ich Team Early Bird. Keine Badezimmer-Kollision. Check. Wir klärten sogar noch, dass wir uns gegenseitig mit Wet Wipes oder anderen Kleinigkeiten aushelfen würden, falls etwas ausgeht. Und dann? That's it. Zwei Frauen teilen zehn Tage lang ein Zimmer und ignorieren sich danach praktisch professionell.
Kein «Guten Morgen». Kein «Gut geschlafen?»
Kein Lächeln. Keine Gestik. Kein «Kannst du mir kurz …?» Nix. Nada. Silence. Das klingt vielleicht banal. Bis du merkst, wie viel
unserer täglichen Orientierung über andere Menschen funktioniert.
04:00 Uhr. GONG. Good Morning Sunshine.
Der erste volle Tag. Ich schlief tief und fest. Und dann: 04:00 Uhr. GONG. Dhamma Mudita erwacht. Zähne putzen. Durch den stillen Garten gehen. Richtung Meditationshalle. Um 04:30 Uhr sass ich auf meinem nummerierten Meditationskissen.
Vor mir lagen zwei Stunden Meditation. Und das war – holy moly – erst der Anfang des Tages. Die ersten drei Tage praktizierten wir Anapana: Konzentration auf den natürlichen Atem. Kein spektakuläres Mantra. Keine fancy Visualisierung. Atmen. Wahrnehmen. Repeat. Und irgendwann bemerkst du Dinge, die dein ganzes Leben lang da waren. Die Luft beim Einströmen. Die Luft beim Ausströmen. Nasenlöcher. Nasenflügel. Naseninnenwände. Nasenwurzel. Subtile Empfindungen. Und gleichzeitig: Monkey Mind activated. Gedanke. Projektidee. Vergangenheit. Noch ein Gedanke. Irgendeine längst vergessene Story. Zurück zum Atem. Fünf Sekunden später … Hello again, Brain-Shizzel.
Zurück. Wieder weg. Wieder zurück. Irgendwann musste ich innerlich über mich selbst lachen. Mein Körper sass vollkommen still auf einem Kissen. Mein Geist hatte offensichtlich einen All-inclusive-Roundtrip gebucht.
Wenn plötzlich niemand mehr deine Ablenkung liefert
Nach dem Frühstück gab es etwas freie Zeit. Normally ein Grund zur Freude. Hier drängt sich jedoch eine ganz pragmatische Frage auf: Was mache ich, wenn es tatsächlich nichts zu tun gibt? Kein Buch. Kein Handy. Kein Gespräch. Kein «ich erledige noch …» Somit schländerte ich durch den schönen Garten. Wie viele andere auch. Kein Blickkontakt. Keine Mimik. Keine Gestik. Und irgendwann dachte ich: Jesas, wir steuern hier herum wie Zombies. Sorry, but true. 😂 Devot auf den Boden schauen entspricht zudem nicht unbedingt meinem Naturell. Also Kopf hoch. 360-Grad-Scan. Einfach ohne Kontakt aufzunehmen. Auch das war Teil der Erfahrung. Und vielleicht ebenfalls wichtig: Nicht jede Minute dieser zehn Tage war ein Plot-Twist. Manches war tief. Manches herausfordernd. Und manches einfach ein bisschen weird. Welcome to real life.
Mehr als zehn Stunden Meditation – und trotzdem fix und fertig
Der Tagesrhythmus wiederholte sich.
Meditation.
Frühstück.
Meditation.
Mittagessen.
Meditation.
Teepause.
Meditation.
Abendlicher Vortrag.
Meditation.
Schlafen.
Repeat. Repeat. Repeat.
Die offiziellen Kursunterlagen sehen einen eng getakteten Tag vom 04:00-Uhr-Gong bis zur Nachtruhe vor. Und obwohl ich weder Arbeitete, Yoga machte noch im Gym trainierte, wanderte oder bikte, war ich abends schlapp. Mehr als zehn Stunden Meditation mögen von aussen nach «Sitzen» aussehen. Mein Kopf dazu: Excuse me?! Inner Work ist eben auch Work. Gegen 21:45 Uhr fiel ich ins Bett und schlief wie mein bereits erwähntes persönliches Spirit Animal: der Bär im Winterschlaf. Am nächsten Morgen: 03:55 Uhr. Augen auf. Fünf Minuten später: GONG. Mein Körper hatte den Rhythmus zackig gecheckt. Und so wurde aus dem anfänglichen Ausnahmezustand bereits ein neues Normal.
Drei Tage lang deine Nase beobachten. Seriously?
Zwischendurch wurden wir von der Meditationsleitung gefragt, wie wir mit der Technik zurechtkommen und ob wir die subtilen Empfindungen des ein- und ausströmenden Atems wahrnehmen. Bei mir war der Unterschied zwischen kühler und wärmer zunächst nicht wirklich deutlich. Also bekam ich sogar eine kleine Private Audience. 😉 Kurzes Gespräch. Fokus nachschärfen. «Du machst das gut.» Weiter. Und genau das tat ich.
Drei Tage. Immer wieder derselbe winzige Bereich. Klingt easy? Try it. Wenn dein Geist gewohnt ist, ständig neuen Input zu bekommen, können ein paar Quadratzentimeter rund um die Nase plötzlich verdammt gross werden. Gleichzeitig kamen alte Geschichten hoch. Unbeachtete Sequenzen aus der Vergangenheit. Manche verblüfften mich. Manche machten mich traurig. Andere liessen mich lächeln. Und mein Brain so: Oh, übrigens … weisst du noch 2014? Ähm. Danke. 😂 Ich versuchte nicht, diese Gedanken wegzudrücken. Ich bemerkte sie. Hielt kurz inne. Und kehrte zurück. Zum Atem. Vielleicht war das bereits eine der ersten Lektionen, bevor ich überhaupt verstand, wie wichtig sie später werden würde.
Tag 4: Holy Moly. Jetzt geht's ans Eingemachte.
Nach drei Tagen Anapana begann die eigentliche Vipassana-Praxis. Und jetzt wurde aus Nasen-Mikrokosmos plötzlich: Hello, ganzer Körper. From the top of the head to the tip of the toe – and back. Bereich für Bereich. Millimeter für Millimeter. Wahrnehmen, was da ist. Nicht dem nächsten Reiz hinterherspringen, nur weil irgendwo anders plötzlich etwas kribbelt. Nicht beim Schmerz hängen bleiben. Nicht am Angenehmen festhalten. Einfach beobachten. Kopfkrone. Weiter. Stirn. Gesicht. Nacken. Schultern. Arme. Brust. Rücken. Beine. Füsse. Und irgendwo dazwischen: ZACK. Geist weg. «Melitta. Zurück.» Weiter.
Drei Körperbereiche später: ZACK. Wieder Brain-Shizzel. Zurück. Neu fokussieren. Gefühlt hundert Mal. Phu, war das teilweise streng. Dennoch, genau dafür war ich hier. Also: Go with the flow and grow.
Mein Körper begann plötzlich verdammt laut zu sprechen
Hüfte. Lenden. Gesäss. Kreuzbein. Steissbein. Wirbelsäule. Schultern. Beine. Mal zwickte es hier. Dann dort. Meine Schultern waren zu Beginn einer Meditation manchmal angespannt. Im Verlauf konnte ich zunehmend loslassen und tiefer in meine Sitzposition sinken. Und dabei wurde etwas immer deutlicher: Nichts blieb gleich. Der Schmerz veränderte sich. Empfindungen entstanden. Andere verschwanden. Gedanken kamen.
Gedanken gingen. Emotionen tauchten auf. Auch sie veränderten sich. Die offizielle Einführung beschreibt dieses Prinzip als Beobachtung der sich ständig verändernden Natur von Körper und Geist. Und langsam kam der Mind-Blow:
Alles entsteht. Alles verändert sich. Alles vergeht.
Nicht irgendwann. Permanent.
Gleichmut: die wohl wertvollste Einsicht, die ich mitgenommen habe.
Die abendlichen aufgezeichneten Vorträge von S. N. Goenka waren für mich grossartig. Nach Stunden praktischer Erfahrung bekam das Erlebte Kontext. Und ein Begriff wurde für mich immer wichtiger: Gleichmut. Früher hätte Gleichmut für mich vielleicht etwas nach «Zen sein und sich über nix mehr aufregen» geklungen. Heute? Completely different story. Gleichmut bedeutet für mich nicht Gleichgültigkeit. Nicht: «Whatever. Ist mir alles egal.» Nope. Und schon gar nicht, dass wir nichts mehr fühlen sollen. Im Gegenteil.
Gleichmut bedeutet für mich, alles fühlen zu dürfen, ohne von allem beherrscht zu werden.
Freude geniessen, ohne sie krampfhaft festhalten zu wollen. Schmerz wahrnehmen, ohne sofort dagegen anzukämpfen. Lob annehmen, ohne davon abhängig zu werden.
Kritik hören, ohne innerlich daran zu zerbrechen. Und plötzlich kam dieses Bild:
Sei der Berg. Nicht das Wetter. Sonne? Da. Regen? Auch da. Sturm? Yep. Schnee?
Hello. Das Wetter verändert sich permanent. Der Berg eskaliert dennoch nicht.
What a Gamechanger.
Der grösste Aha-Moment meiner zehn Tage
Und dann kam eine Erkenntnis, die mich bis heute begleitet. Wenn ich meinen persönlichen inneren Unfrieden herunterbreche, lande ich erstaunlich oft in zwei Situationen.
• Unerwünschtes tritt ein.
• Erwünschtes bleibt aus.
That's it. Reality vs. Expectation. Und dazwischen? Nonsens Drama in unserem Kopf.
«Das hätte nicht passieren dürfen.»
«Warum macht dieser Mensch das?»
«Das sollte anders sein.»
«Ich wollte doch …»
«Eigentlich müsste …»
Und die Realität sitzt daneben vermutlich gemütlich mit Popcorn und denkt:
Cute. Ich bin trotzdem da. 😂
Denn Realität verhandelt nicht darüber, ob sie uns gerade in den Kram passt. Sie ist zunächst einmal. Und genau das war für mich ein riesiger Reframe:
Die Realität anzunehmen bedeutet nicht, sie gutzuheissen.
Es bedeutet nicht, Unrecht zu akzeptieren. Es bedeutet nicht, Grenzen aufzugeben.
Und schon gar nicht: «Dann kann ich halt nichts machen.» Im Gegenteil. Erst wenn ich anerkenne, was tatsächlich ist, kann ich bewusst entscheiden: Kann ich etwas verändern? Yes? → Action. Kann ich es nicht verändern? Dann macht mein Widerstand die Realität nicht ungeschehen. Er verbrennt einfach Energie for nothing. Boom.
Inner Peace isn't passive. It's practice.
Ich hatte während dieser zehn Tage keinen täglichen dramatischen Fluchtimpuls.
Es war taff. Es war repetitiv. Manchmal schmerzhaft. Und mein Monkey Mind hätte sich vermutlich zwischendurch liebend gerne meinen Partner in Crime, ein Buch, Musik, nen Soulbuddie oder WLAN organisiert. Dennoch war klar: Ich bin freiwillig hier. Ich weiss, warum ich hier bin. Und ich verschwende absolutely not zehn Tage meines Lebens, indem ich das Handtuch werfe, nur weil es unbequem wird. Nope. Willenskraft. Resilienz. Disziplin. Achtsamkeit. Gelassenheit. Und immer wieder: Go with the flow and grow.
Das Paradoxe? Je weniger ich versuchte, jede Erfahrung zu kontrollieren, desto mehr konnte ich sie tatsächlich wahrnehmen. Und vielleicht entsteht Gelassenheit eben nicht dadurch, dass irgendwann nichts Schwieriges mehr passiert. Vielleicht entsteht sie dadurch, dass wir aufhören, permanent gegen jeden Moment anzukämpfen, der anders aussieht als unsere Vorstellung davon.
Wenn niemand mehr Projektionsfläche für unseren Shit ist
Durch die Stille wurde für mich noch etwas sichtbar, das wir Menschen im Alltag erstaunlich oft und fast automatisch tun: Wir tragen unseren inneren Unfrieden nach aussen. Etwas nervt uns? Wir erzählen es jemandem. Jemand verhält sich anders als erwartet? Wir regen uns auf. Etwas läuft nicht nach Plan? Zack – Message, Meinung, Reaktion.
Ich selbst bin weniger der Typ, der sofort losrennt, um seinem Ärger Luft zu machen. Über viele Jahre durfte ich lernen: Hinter meinem Ärger steckt immer ein Gefühl und für dieses bin zunächst einmal ich verantwortlich. Umso spannender fand ich die Beobachtung während Vipassana. Rund 50 Meditierende plus Helfer:innen und Meditationsleitung – mehr als 60 Menschen. Der Rücken zwickte, die Hüfte zwackte, alte Emotionen kamen ums Eck, der Monkey Mind veranstaltete sein Pow-Wow. Und trotzdem wurde während der Stille niemand zur Projektionsfläche für den Unfrieden eines anderen. Nicht Gossip. Nicht Jammern. Nicht «Boah, mein Körper schmerzt». Nicht sofort irgendein Alltags-Shizzel. Wir waren eingeladen, bei uns SELBST zu bleiben.
Wahrnehmen. Beobachten. Gleichmut bewahren. Uns selbst halten. Vertrauen, dass auch dieser Moment wieder vergeht. Und genau darin lag für mich der Aha-Moment:
Nicht alles, was IN uns Unruhe auslöst, muss sofort VON uns in die Welt hinausgetragen werden.
Denn wie oft bringen wir andere unbewusst um ein Stück ihres Friedens, nur weil wir gerade mit etwas in Unfrieden sind? Vielleicht lohnt sich genau dort ein kleiner Perspektivenwechsel: Was ist hier eigentlich meins? Was steckt hinter meinem Ärger? Und wenn ich darüber spreche: Suche ich Verbindung und eine Lösung – oder lediglich eine Projektionsfläche für meinen Frust? Natürlich bedeutet Gleichmut nicht, alles mit sich selbst auszumachen. Austausch, Unterstützung und ehrliche Gespräche sind wertvoll. Manches muss ausgesprochen werden. Dennoch:
Nicht jeder innere Sturm braucht sofort ein Publikum.
Vielleicht beginnt Selbstverantwortung genau dort: uns selbst halten zu lernen, ohne alles alleine tragen zu müssen – und unseren eigenen Unfrieden nicht ungefiltert anderen zum Tragen zu geben. Vielleicht schützen wir damit nicht nur unseren eigenen inneren Frieden, sondern auch ein kleines Stück vom Frieden der Menschen um uns herum.
Und dann wurde es nach zehn Tagen plötzlich wieder laut
Nach einer tiefen Meditation kam der Moment, den ich bis heute schwer in Worte fassen kann. Für mich fühlte es sich an, als würde sich vieles lösen. Körper. Raum. Luft. Materie.
Für einen Moment war da dieses Gefühl von Verbundenheit. Kein Müssen. Kein Wollen.
Kein Widerstand. Einfach sein. Liebe. Harmonie. Frieden. Ausgeglichenheit. Ich will diesen Zustand gar nicht grösser erklären. Manche Dinge dürfen erlebt statt zerredet werden. Ich ging alleine aus der Meditationshalle. Es war noch hell. Ich stand da. Schaute in den Himmel. Und dachte: What's now? Dann kam Eva aus der Halle. Sie sah mich an. Fast flüsternd fragte sie: «Dürfen wir jetzt sprechen?» Ich ebenfalls etwas verunsichert: «So viel mir ist … schon.» LOL. Zehn Tage vorher wäre diese Frage komplett banal gewesen. Jetzt fühlten sich diese ersten Worte riesig an. Ich fragte sie, wie es ihr gehe. Ihre Augen wurden leicht feucht. «Gut. Ja, es geht mir gut. Und dir?» Auch meine Augen füllten sich. Und ich sagte sinngemäss:
«Krass, dass es zehn Tage Stille braucht, um das grosse Ganze wieder mehr wahrzunehmen. Die Realität mit allem, was ist, anzunehmen, statt permanent gegen sie anzukämpfen, nur weil sie anders ist, als wir sie gerne hätten. Unser Ego ist schon mächtig.»
Eva sah mich an. «Du sprichst mir aus der Seele.» Und dann umarmten wir uns.
Und heulten. Aus Dankbarkeit. Aus Demut. Aus Freude. Und vielleicht auch aus einer gewissen Traurigkeit darüber, wie weit wir uns manchmal von etwas entfernen, das eigentlich immer da ist. Von uns selbst.
Zehn Tage gemeinsam allein – und plötzlich hatten alle eine Geschichte
Und dann passierte etwas total Schönes. Wir durften wieder miteinander sprechen. Blickkontakt. Stimmen. Lachen. Frauen und Männer konnten wieder miteinander kommunizieren. Und all diese Menschen, mit denen ich tagelang denselben Ort, dieselben Mahlzeiten und dieselbe Meditationshalle geteilt hatte, wurden plötzlich wieder zu Persönlichkeiten. Namen. Berufe. Herkunft. Familien. Geschichten. Jung. Älter. Studierende. Eltern. Menschen ohne Kinder. Unterschiedlichste Berufe und Lebensmodelle. Menschen aus verschiedenen Ländern und Regionen. Bunt gemischt wie das Leben selbst. Und irgendwie fand ich diesen Gedanken wunderschön: Zehn Tage waren wir gemeinsam allein. Und plötzlich bekamen all diese stillen Gesichter Geschichten. Am Abend schlief ich friedlich ein. Dankbar. Erfüllt. Good Vibes only. Und ja:
Ein bisschen stolz war ich auch. I did it.
Die letzte Meditation – und dann … Küche putzen.
Am letzten Morgen kam der Gong später als gewohnt. Noch einmal Meditationshalle.
Noch einmal gemeinsam meditieren. Metta. Und ich genoss diesen Zustand. Herrrrlich.
Danach Frühstück. Und dann folgte der vermutlich bodenständigste Abschluss einer zehntägigen Reise nach innen: Putzen. Ich half in der Küche. Und wisst ihr was? Es machte mir Spass. Zehn Tage hatte ich keine Arbeit im Aussen verrichtet.
Keine Projekte. Keine Mails. Keine To-do-Listen. Keinen Content. Kein Business.
Dafür habe ich innerlich aufgeräumt. Und plötzlich stand ich wieder da und putzte eine Küche. Simple. Normal. Real Life. Genau richtig.
Und dann kam Miro
Gegen 10:00 Uhr holte mich mein Mann ab. Und dieser Moment? Keine grosse Rede.
Kein philosophisches Pow-Wow. Ich nahm ihn einfach in den Arm. Und hielt ihn.
Ein bisschen länger. Nach zehn Tagen ohne unsere vertraute Kommunikation, ohne einen Kuss oder körperliche Nähe brauchte es zuerst keine Worte. Manches muss man nicht erklären. Koffer ins Auto. Adios Dhamma Mudita. Wir fuhren Richtung Kroatien, wo wir noch einige Tage mit Familie verbrachten. Natürlich erzählte ich Miro gefühlt ALLES. Zehn Tage Schweigen dürfen schliesslich irgendwo wieder raus. 😂 Und eines wusste ich bereits: Das war nicht mein letztes Vipassana.
Also: Was passiert, wenn es im Aussen endlich still wird?
Mit genau dieser Frage bin ich hineingegangen. Und genau diese Frage kann ich heute für mich beantworten. Die Stille war kein Weg weg von meinem Leben. Sie war ein Weg zurück zu mir. Zur Wahrnehmung. Zum Körper. Zum Atem. Zu meinen Gedanken. Zu meinen Emotionen. Und zu Dingen, die längst da waren, im daily Grundrauschen einfach verdammt easy auf der Strecke bleiben. Wir Menschen sind permanent am Machen. Tun.
Optimieren. Wirken. Noch besser. Noch schneller. Noch effizienter. Noch dieses Ziel.
Noch jenes Projekt. Dabei versuchen viele, ihren Wert zu beweisen. Auch ich bin da keine Ausnahme. Für wem eigentlich? Was, wenn wir gar nichts beweisen müssen? Was, wenn dieses wundervolle Geschenk namens Leben nicht nur ein weiteres Projekt ist, das möglichst erfolgreich abgearbeitet werden soll? Was, wenn wir zwischendurch einfach wahrnehmen dürfen: Ich bin da. That's it.
Vielleicht brauchen wir nicht immer mehr Input. Vielleicht brauchen wir manchmal weniger. Nicht noch eine Aufgabe. Nicht noch eine Ablenkung. Nicht noch etwas, das die Stille füllt. Sondern den Mut, sie auszuhalten. Denn vielleicht ist unser Inneres gar nicht zu leise. Vielleicht ist unser Aussen einfach verdammt laut. Boom + Aha mit Nachhal sowie Perspektiven-Kick.
Mein grösstes Learning aus 10 Tagen Vipassana?
Nicht der 04:00-Uhr-Gong. Nicht mehr als zehn Stunden Meditation. Nicht das Schweigen. Nicht einmal die Disziplin. Sondern zwei Worte: Verbindung statt Widerstand.
Verbindung mit dem, was gerade ist.
Mit Freude.
Mit Trauer.
Mit Angst.
Mit Schmerz.
Mit Leichtigkeit.
Mit anderen Menschen.
Und mit mir selbst.
Das Dunkle gehört genauso zum grossen Ganzen wie das Helle.
Das Schwere genauso wie das Leichte.
Und wenn wir durch Schmerz gehen – emotional oder körperlich – bedeutet Annehmen für mich nicht, ihn einfach stoisch zu ertragen. Es bedeutet: Okay. Das ist gerade da.
Und von hier aus:
Was brauche ich?
Was kann ich real verändern?
Wo darf ich loslassen?
Wo soll ich handeln?
Wo darf ich heilen?
Connection creates movement. Resistance creates friction.
Vielleicht ist genau das für mich heute innerer Frieden: Nicht darauf zu warten, dass die Welt endlich genauso wird, wie ich sie gerne hätte. Sondern immer wieder zurückzufinden. In die Gegenwart. In die Verbindung. In den Gleichmut. In mich.
Würde ich 10 Tage Vipassana wieder machen?
Hell YES. Nicht morgen. Nicht, weil ich glaube, dass zehn Tage Schweigen für jeden Menschen DIE Antwort sind. Und schon gar nicht, weil ich jetzt irgendeine universelle Wahrheit gefunden hätte. Nope. Ich habe meine Erfahrung gemacht. Und genau darum ging es mir von Anfang an. Opinion is borrowed. Experience is earned. Wenn du mich fragst, ob Vipassana auch dein Mind-Blow wäre? Keine Ahnung. Und genau das ist der Punkt. Find out for yourself. Ich weiss nur: Ich werde wiederkommen. Mit einem anderen Lebensrucksack. Zu einem anderen Zeitpunkt. Vielleicht mit völlig anderen Fragen.
Und vermutlich auch mit völlig anderen Antworten. Bis dahin nehme ich diesen Rucksack voller Erkenntnisse mit auf meine weitere Reise. Dankbar. Demütig. Wertschätzend. Und mit weniger Widerstand gegen das, was ohnehin gerade ist.
Life is a Journey. See you next time, Vipassana. 🤍
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Vielleicht beginnt DEINE nächste Reise nicht damit, NOCH mehr zu tun – sondern endlich wieder mehr wahrzunehmen. Und nope: Dafür musst du nicht zwingend zehn Tage schweigen. Vielleicht lohnt sich eine andere Frage: Wie lange willst du darauf warten, dass dein Leben von selbst etwas leiser wird? Zwischen Terminen, Erwartungen, To-do’s und täglichem Brain-Shizzel passiert das selten einfach so.
Manchmal braucht es einen bewussten Pattern Interrupt. Raus aus dem Autopiloten. Raus aus müssen, sollen, funktionieren. Und wieder mehr rein in spüren, erkennen, bewusst entscheiden. Genau aus diesem Gedanken ist bei 6th Sense Yoga Souls vor drei Jahren Body Work & Mindset Shift entstanden. Ein Tag für Body. Mind. Soul., den wir kontinuierlich mit neuen Erkenntnissen, Weiterbildungen, Coaching-Impulsen und Workshops weiterentwickeln. Because growth doesn't happen on repeat. Nicht, um dir zu sagen, wie du dein Leben leben sollst. Sondern um dir Raum und Tools zu geben, deine eigenen Muster zu erkennen, Perspektiven zu shiften und wieder wahrzunehmen, was dir guttut. Denn vielleicht braucht es keinen kompletten Life-Reset.
Vielleicht braucht es einfach einen Tag, an dem das Aussen etwas leiser wird – damit du wieder hörst, was innen längst da ist.
Dein Leben braucht nicht erst laut werden, bevor du beginnst hinzuhören.
Ein Tag. Dein Body. Dein Mindset. Dein Shift. Ready for your own Mind-Shift?


Liebe Melitta...🔆...
.danke für das teilen deiner Einblicke und Erfahrungen deines silence retreats 🫶🏼...
mit 💚licher Gratulation....